„Myrtion, warte doch! So warte doch auf mich!“ Die helle Stimme des Elfenprinzen schreckte Myrtion aus seinen Gedanken. Er verhieltsein Pferd und wandte sich zu dem Knaben um, der atemlos hinter ihm angelaufen kam. Liebevoll betrachtete er die kleine, helle Gestalt. Dann schwang er sich von seinem Schimmel und wendete sich dem Kind zu. Jetzt war Adil heran und warf sich schweratmend in die Arme des grossen Freundes. „Wo willst du denn hin? Warum hast du dich nicht von mir verabschiedet?“ Myrtion plagte das Gewissen. „Komm, lass uns einen Moment hier rasten.“ Er nahm den Jungen bei der Hand und führte ihn zu einem der neben der Strasse liegenden Baumstämme. Dort nahm er Platz und bedeutete dem Kleinen, sich neben ihm zu setzen. „Wolltest du wirklich fort, ohne dich von mir zu verabschieden?“ Die großen, grauen Augen, die ihn vorwurfsvoll anschauten, füllten sich mit Tränen. Verlegen drückte Myrtion den blonden Lockenkopf des Prinzen an sich. „Verzeih mir, mein Prinz. Ich musste eine sehr schwere Aufgabe erfüllen und nun bin ich sehr müde.“ „Du hast diese - diese Barriere erschaffen, nicht wahr? Vater sagt, jetzt können keine bösen Menschen mehr zu uns kommen!“ „Ja, das stimmt. Aber wir können auch nicht mehr zu den Menschen.“ „Ist das schlimm?“ „Nun, es kommt drauf an, von welchem Standpunkt aus man die Sache betrachtet. Ich zum Beispiel muss mir jetzt ein Haus bauen. Ich habe mich viel in der Menschenwelt aufgehalten, so dass mir nie der Gedanke kam, ein eigenes Haus zu bauen. „Aber du kannst doch bei mir im Schloss wohnen!“ „Ich danke dir, mein lieber Adil. Aber ich glaube, im Leben eines Mannes kommt einmal der Augenblick, wo er sein eigenes Haus benötigt.“ Adil schaute ihm prüfend in die Augen. Sein kindliches Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. „Du hast dich mit Vater gestritten, nicht wahr? Nun seid ihr euch böse, und du willst fort!“ „Nun, gestritten haben wir uns nicht, und wir sind auch nicht im Bösen voneinander geschieden. Wir waren nur nicht der gleichen Meinung. Sieh mal, ich halte es für falsch, diese Trennung zwischen uns und der Menschenwelt zu vollziehen. Aber ich habe mich dem Befehl deines Vaters gefügt und die Barriere entstehen lassen.“ „Vater kann ganz schön böse werden, wenn man nicht das macht, was er will.“ Der kleine Prinz nickte ernsthaft. „Kann ich nicht mit dir kommen? Ich kann dir doch helfen, dein Haus zu bauen.“ Hoffnungsvoll blickte Adil seinen grossen Freund an. „Nein, das geht leider nicht. Dein Platz ist hier, auf Schloss Waht. Aber ich verspreche dir, dass ich dich oft besuche, und sowie mein Haus fertig ist, zeige ich es dir.“ „Du nimmst mich dann mit?“ „Ja, du musst doch schauen, ob ich alles richtig gemacht habe!“ Das Kind strahlte über das ganze Gesicht, und Myrtion erhob sich. „Nun muss ich los, sonst komme ich nicht weit, bevor es dämmert. Soll ich dich zurück zum Schloss bringen?“ „Nein, ich laufe zurück, und ausserdem...“ „Ausserdem?“ „Und ausserdem kann ich dir noch hinterher winken!“ Myrtion schluckte. Dann beugte er sich nieder und küsste den Prinzen auf die Stirne. Sein langes, silberweisses Haar umschmiegte für einen Augenblick die kleine Gestalt und hüllte das Kind ein wie ein schützenderMantel.  „Leb wohl, mein Freund. Wir sehen uns bald wieder.“ „Ganz bestimmt, versprochen?“ „Versprochen!“ Schnell schwang Myrtion sich auf das Pferd und liess es in einen gemächlichen Trab fallen. Als er sich umdrehte, sah er die winzigewinkende Gestalt in der Mitte der Strasse stehen. Er hob die Hand und winkte zurück. Etwas schnürte ihm die Kehle zu. Er drückte dem Pferd die Knie in die Seiten und liess es in einen schnellen Galopp fallen. Ach Adil, du liebes Kind. Ich konnte dir doch nicht sagen, was mich bedrückt. Du könntest es nicht verstehen, dazu bist du noch zu klein. Dein Vater dagegen wollte mich nicht verstehen, und hat mich zu etwas gezwungen, was ich aus tiefstem Herzen ablehne. Wir sind die Waht, die Wächter, und das heisst, dass wir eine Verantwortung haben, für beide Seiten. Was soll nun werden? Die Menschen werden sich weiter entwickeln, und wir haben keine Möglichkeit mehr - wie in den vergangenen Jahrtausenden - helfend und beratend einzugreifen. Was haben wir, was habe ich getan?

 

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