Seren saß wie so oft an ihrem Lieblingsplatz, einem Felsen nahe dem Meer, von dem sie einen weiten Blick über das Wasser hatte. Sie liebte es, über die so unendlich scheinende Weite zu blicken, wenn sich das Licht der Sonne an den Wellen brach und das ganze Meer wie flüssiges Silber glänzte und flirrte. Ab und ansah sie weit draußen die glänzenden Leiber von Delphinen mit spielerischen Sprüngen ihre Bahn ziehen, oder ein Schwertfisch sprang senkrecht aus dem Wasser und drehte seinen glänzenden Körper hoch, in silbernen Spiralen der Sonne entgegen, um dann in einem eleganten Bogen wieder ins Meer zu tauchen.
Nun war sie schon seit geraumer Zeit auf der Insel. Ihre Tage waren angefüllt mit praktischen und theoretischen Unterrichtsstunden. Sie hatte bereits viel gelernt, aber Seren war voller Wissbegierde, so dass auch ihre Mutter, die eine strenge Lehrerin war, sie öfter loben musste.

Trotzdem erfüllte sie manchmal eine unerklärliche Traurigkeit. In den wenigen Augenblicken ihrer Freizeit lief sie immer wieder zu dieser bestimmten Stelle, um bei dem Anblick des Meeres Trost und Kraft zu schöpfen. Manchmal stahl sie sich auch in die blaue Grotte und hielt dann stumme Zwiesprache mit der stillen Gestalt in dem Gehäuse aus blauem Glas. Wann würde Myrtion wieder aufwachen? Ihre Mutter war zuversichtlich, aber auch sie konnte nicht sagen, wie lange es dauern würde, bis der große Weise seine Augen wieder aufschlug. Seren seufzte. An jenen Anderen wollte sie nicht denken. Sie hatte es sich selbst verboten. Er war fort, verschwunden, ohne Abschied, ohne Nachricht. Sie wollte ihn vergessen. Einfach vergessen! Aber so einfach war das leider nicht. Ein dunkler Glockenton schreckte sie auf. Oben auf der Burg wurde die Sturmglocke geläutet. Etwas musste geschehen sein.

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